Alibi
Ganz konkret gefragt:
Wo warst du,
als dein Nachbar
deine Hilfe brauchte?
Ja, anderswo!
Auf der Arbeit,
das musst du entschuldigen.
Danach zu Hause,
aber wirklich viel zu müde,
das ist keine Ausrede.
Außerdem kann ich
den Nachweis erbringen,
dass mein Nachbar
mir auch noch niemals geholfen hat.
Da hab ich doch gewiss
einen Anspruch
auf mildernde Umstände!
Stolpersteine auf unserem Lebensweg
sollten uns nicht entmutigen.
Sie sind eine Herausforderung
zum Aufbau neuer Möglichkeiten.
Eine schwere Entscheidung
Wenn ich meine Gedanken über die hoch betagten und pflegebedürftigen Menschen aufschreibe, fasse ich gewiss ein sehr heißes Eisen an. Aber es ist ein Problem, das unsere Gesellschaft insgesamt betrifft und zu lösen hat. Wir werden in der Zukunft noch mehr pflegebedürftige Menschen zu versorgen haben, als es heute schon der Fall ist. Der Fortschritt der Medizin macht ein längeres Leben möglich. Aus meiner Perspektive und den Erfahrungen in einem Alten- und Pflegeheim will ich es wagen, dieses brisante Thema zu berühren, weil ich den oftmals schon selber nicht mehr jungen Angehörigen, meistens den Kindern, zu einem guten Gewissen verhelfen möchte, wenn sie ihre pflegebedürftigen Eltern in einem akzeptablen Heim unterbringen müssen. Ich habe selber über zwölf Jahre als ausgebildete Beschäftigungstherapeutin in einem Alten- und Pflegeheim zahlreiche alte Menschen mit den verschiedensten Krankheiten, die diese Altersgruppe erleidet, kompetent und liebevoll betreut.
Vor allem ältere Töchter, die einer 24-Stunden-Pflege eines verwirrten Elternteils nicht mehr gewachsen waren, haben mir im Vertrauen ihr Herz ausgeschüttet. Diese lebenserfahrenen Frauen haben es sich wahrlich nicht leicht gemacht, den hochbetagten Vater oder die schwerstkranke Mutter in ein gutes Heim zu geben.
Oftmals haben sie etliche Jahre vor diesem schweren Entschluss ein Elternteil schon bei sich zu Hause liebevoll, in ihrer eigenen Familie betreut, was sehr kräftezehrend war. Bis eines Tages der Hausarzt bei einem Hausbesuch einer total erschöpften Tochter den wichtigen Rat gibt: „Geben Sie Ihre Mutter endlich in ein Pflegeheim, sonst gehen Sie eher als ihre Mutter ins Grab. Sie sind doch am Ende mit Ihren Kräften.“ „Ja, Herr Doktor, Sie haben schon Recht. Wir haben schon seit sieben Jahren nicht mal einen Tag Urlaub machen können. Und mein Mann und ich, wir haben uns auch auf unseren Ruhestand gefreut. Wir hatten uns schon in Gedanken in bunten Farben ausgemalt, wie schön es an der brausenden Nordsee mit Wind und Meereswellen, feinem Sand und rotorangenen Sonnenuntergängen erholsam wäre. Ständiger Verzicht macht auch unzufrieden. Ich ertappe mich dabei, dass ich manchmal nicht mehr liebevoll zu meiner verwirrten schwerstpflegebedürftigen Mutter sein kann. Ja, Herr Doktor, ich bin überfordert und am Ende meiner Kraft!“ Vier Wochen später hatten die Kinder einen guten Pflegeplatz in einem nicht so weit entfernten Heim für die Mutter gefunden. Endlich konnte die Tochter nachts wieder durchschlafen. Als die Mutter sich im Heim eingelebt hatte, fuhr die Erschöpfte mit ihrem auch nicht mehr so gesunden Mann an den Ort ihrer Sehnsucht, an die erfrischende Nordsee. Diese Tochter besuchte ihre Mutter noch viele Jahre sehr oft und zuverlässig. Und sie konnte sich jetzt wieder liebevoll ihrer schwerkranken Mutter zuwenden. Die 93-jährige Schwerstpflegebedürftige wurde im Heim gut versorgt, in dem sich im achtstündigen Schichtdienst eine frisch ausgeruhte junge Pflegekraft um sie kümmerte.
Mir ist durchaus bewusst, dass jedes einzelne Schicksal von vielen Faktoren abhängig gesehen werden muss. Menschen sind sehr unterschiedlich belastbar. Es ist immer eine ganz persönliche Entscheidung, die gut überlegt werden sollte. Aber bei aller Nächstenliebe haben auch die Kinder, die überwiegend schon im wohlverdienten Ruhestand sind, ein Recht auf ein Stückchen eigenes Leben.
Es gibt auch Familien, in denen sich mehrere Angehörige um einen kranken Menschen zuverlässig kümmern. Das ist eine wunderbare Lastenverteilung, bei der keiner überfordert wird. Gute Absprache und Verantwortungsbewusstsein sind allerdings sehr wichtig. Bei diesem System kann auch jeder seinen wohlverdienten Urlaub mit gutem Gewissen genießen. Und mit neuen Kräften kann sich der Erholte wieder mit liebevoller Fürsorge dem Pflegebedürftigen zuwenden.
Dann gibt es noch Ehepaare, die zusammen sehr alt werden. Einer von beiden wird dann manchmal schleichend oder auch plötzlich zum gefürchteten Pflegefall. Meistens versorgt der Ehepartner, dem es noch besser geht, den Kranken, auch Verwirrten und später Bettlägerigen alleine, so gut er es kann. Diese hoch betagten Ehepaare erinnern sich noch daran, dass sie vor dem Traualtar bei der kirchlichen Trauung, vielleicht vor 50 oder 60 Jahren, versprochen haben, „in Freud und Leid“ ihren Partner nicht zu verlassen. Meistens sind die Frauen etliche Jahre jünger als ihre Männer und deshalb auch noch belastbarer. Die Pflege fällt dem weiblichen Wesen oftmals leichter. Diese Frauen haben schon früher die gemeinsamen Kinder mit viel Liebe und Aufopferung großgezogen. Aber ich kenne auch Männer, denen ich das gar nicht zugetraut habe, die ihre schwerkranken Frauen jahrelang bis zum Tode vorbildlich und warmherzig in der Wohnung gepflegt haben. Ambulante Unterstützung kann bei der häuslichen Pflege selbstverständlich in Anspruch genommen werden. Diese Entlastung ist für den Pflegenden von großer Bedeutung. Und nur mit dieser fachmännischen Hilfe kann der Pflegende die schwerste Zeit durchstehen.
Wie Angehörige sich in einer so schwerwiegenden Situation auch entscheiden, sie machen es sich gewiss nicht leicht. Wir dürfen sie nicht verurteilen. Denn ich wiederhole noch einmal, dass jeder einzelne Mensch sehr unterschiedlich belastbar ist. Wir können deshalb niemals verallgemeinern. Und manchmal sind Töchter oder der Ehepartner selber schon von schweren Krankheiten gezeichnet und geschwächt, sodass sie auch schon Hilfe brauchen. Hilfreich und Nächstenliebe übend wäre es, wenn aus der Nachbarschaft oder dem Freundeskreis Menschen sich Zeit für Besuche bei einem Pflegebedürftigen nehmen würden. Auch Besorgungen könnte man den Menschen in dieser schweren Lebensphase abnehmen. Das würden die Pflegenden bestimmt dankbar annehmen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Überraschung
Natürlich spüre ich,
dass das Alter auch vielfältige
Beschwerden mit sich bringt.
Aber wusstest du, dass das Altwerden
auch viele kostbare Geschenke
für dich bereithält?
Morgens das Ausschlafen ist himmlisch,
den Familienschlitten nicht mehr
ziehen zu müssen, sehr erholsam,
Freiheit genießen zu können,
stundenlang radeln zu dürfen,
lange Briefe schreiben,
bis in die Nacht hinein
ein interessantes Buch lesen,
auf einer Bank sitzen
und den tanzenden Schmetterlingen
mit den Augen hinterher fliegen,
im Frühling, die ersten Veilchen suchen,
ausreichend Zeit für Gespräche haben
und ein freudevolles Hobby pflegen.
Von Gottes Liebe getragen, erfahren wir,
dass unser fürsorglicher Schöpfer
diese schönen Überraschungen für die alten Menschen
aufbewahrt hat, damit sie auf ihrem Heimweg
zu ihm nicht verzagen müssen.
* * *
Liebe Schwestern,
vernachlässigt nicht neben der Arbeit, der Verantwortung und Anstrengung, dem Kampf und dem Lernen,
den vielfältigen Enttäuschungen und der Geduld
das Spielen immer wieder neu zu lernen und zu pflegen.
Lasst das fröhliche junge Mädchen in Euch nicht sterben!
Dass kein Tag ohne Lachen und Singen vergeht.
Bleibt neugierig und lasst Euch auf Wagnisse ein!
Und lasst Eure Fensterscheiben schmutzig
und kostet die gewonnene Zeit für Freundschaften aus.
Schenkt Euch, liebe Schwestern, die Liebe
und das Verstehen untereinander.
Legt Euch im Sommer
stundenlang in eine blühende Wiese
und schaut die Blumen mit Entzücken an.
Schreibt erneut wieder Liebesbriefe
oder lasst alle Farben dieser Welt auf Papiere fließen.
Genießt das kreative Tanzen, auch allein,
spielt Schmetterling im Mondenschein.
Denkt Euch kleine neckische Überraschungen aus
und wirbelt das bunte Herbstlaub mit Euren Füßen auf.
Nur so werden wir, zufrieden,
altersschwer und weißhaarig, dann sagen können:
Ich bin dankbar für mein schönes Leben
und kann es jetzt abrufbereit
in Gottes treue Hände legen.
Altes Flüchtlingsmädchen
Schon wieder wütet ein neuer Krieg auf der Erde,
der nach über siebzig Jahren
an den tiefsten Schichten meiner Seele rüttelt,
er befördert das schrille durchdringende Sirenengeheul
meiner frühen Kinderjahre empor,
und die nächtliche Kälte im Luftschutzkeller
lässt mich erneut frieren.
Die blanke Angst auf der tagelangen Flucht
im menschenüberfüllten Viehwaggon
taucht wieder in meinem Bewusstsein auf.
Das Kriegselend der Kinder berührt mich so stark,
lässt mich erneut weinen.
Das alte Flüchtlingsmädchen
träumt des Nachts erneut vom 2. Weltkrieg.
Großer Gott, wickel um
die zarten Seelen der Kinder
Deinen warmen Schutzmantel.
Guter Gott, beschenke die
verantwortlichen Politiker
mit einer starken Friedenssehnsucht
in ihren verhärteten Herzen.
Alte Hände
Einst waren sie tätig,
da wurden sie gebraucht,
bei der großen Kinderschar,
in der Werkstatt hinterm Haus.
Nun ruhen sie aus,
liegen wie eingezogene Ruder im Schoss,
sind frei für andere Aufgaben:
Wir brauchen sie so dringend
zum liebevollen Streicheln,
zum Glätten von Streit,
zum Beten für den Frieden
in der Welt.
* * *
Abends heimkommen dürfen
mit leerem Netz,
frierendem Körper,
müden Händen
und durstiger Seele.
Abends erwartet werden
und Geborgenheit finden bei Gott.
Gefühle
Manchmal zittert mein Herz
wie Espenlaub im Wind,
bewegt vom kalten Lebenssturm.
Viele sagen dann zu mir:
Reiß dich doch zusammen,
stell dich nicht so an,
beiß doch auf die Zähne,
halte deine Ohren steif,
funktioniere gefälligst reibungslos,
wie eine Maschine.
Gefühle machen vielen Menschen Angst.
Sie haben nicht gelernt,
mit Gefühlen behutsam umzugehen.
Sie durften niemals Gefühle zeigen.
Aber es macht krank,
Gefühle auf Dauer zu verdrängen.
Hab Mut,
zeig deine Tränen,
deine Wut,
deine Herzlichkeit.
In Gottesferne
O Gott,
lock mich mit deiner unendlichen Güte
und Verlässlichkeit
aus meiner Unentschiedenheit,
meinem unumgänglichen Zweifel,
heraus aus meinem
dunklen Versteck.
* * *
Immer mehr sehne ich mich danach,
alle Ängste, jegliche Lasten
abstreifen zu können,
und immer mehr möchte ich hineinwachsen
in des himmlischen Vaters Geborgenheit.
Gebet
An gewissen Tagen, mein Gott,
fällt es mir schwer,
deine Verborgenheit auszuhalten,
und ich sehne mich
in meiner Unvollkommenheit
nach deiner heilenden Nähe.
An manchen Tagen, mein Gott,
ist mein Vertrauen schwach,
und ich verstehe deine Führung nicht.
An jedem Tag aber, mein Gott,
bin ich deiner Liebe gewiss und füge mich
in deinen unerforschlichen Willen.
Depressionen
Unbekannte Gefühle bemächtigen sich meiner.
Werde immer verzagter und kleiner.
Unruhe treibt mich rastlos umher.
Es ist ja alles so unendlich schwer.
Versuche nach außen
möglichst heil zu erscheinen.
Wie lange noch kann ich
die freundliche Fassade euch zeigen?
Kaum kann ich noch arbeiten,
essen und sprechen.
Innen nagt schon unsagbares Leiden.
Tränen fließen nach außen,
doch viel öfter lautlos nach innen.
Kann nicht entrinnen der qualvollen Pein.
Die Angst, sie wird übergroß.
Ich suche einen bergenden Schoß!
Klammere mich an die anderen,
doch ich bin viel zu schwer.
Schwere kann niemand ertragen.
Zieh' mich in mein Zimmer zurück.
Musik erfreut mich zum Glück!
Tanze mich frei nach Mozart und Händel.
Finde ich vielleicht so das Pendel
meiner inneren Uhr,
vielleicht den Weg auf die richtige Spur?
Dann greif ich zu Pinsel, Farben, Papier,
lass die Bedrückung fließen aufs Blatt!
Gott sei Dank! – ich werde nicht so schnell matt.
Mag mich nicht ausschließen
aus der Geborgenheit
und Gemeinschaft der andern.
Wann kann ich endlich wieder richtig wandern?
Möchte lachen, laufen und vor Freude singen!
Brauche viel Zuspruch, Aufmunterung
und Verständnis.
Doch das ist nicht immer selbstverständlich.
Darf die Hoffnung nicht verlieren,
brauche eine große Portion Mut
für jeden neuen Tag, was er auch bringen mag.
Unruhig ich mich im Schlafe wälze.
Träume steigen herauf.
Schweiß tritt auf die Brust!
Frühmorgens dann erwacht,
bin ich erstaunt und erschrocken,
dass ich noch lebe!
Schwäche ist menschlich
Stärke ist gesucht.
Eine dynamische Persönlichkeit wird verlangt.
Menschen mit Durchsetzungsvermögen
und Führungsqualitäten sind angesehen.
Belastbare, flexible Mitarbeiter
haben noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Wehe dem, der schwach ist!
Aber schwach sein ist Mensch sein
in seiner reinsten Form.
Vielen macht diese Schwäche Angst,
und sie spielen Scheinstärke vor.
Gott, hab Dank,
dass du die Schwachen liebst,
dass du mich auch so annimmst,
wie ich tatsächlich bin,
manchmal schwach und bedürftig.
Danke, dass ich in deiner Geborgenheit
schwach sein darf.
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Rechteinhaber veröffentlicht werden
Kontakt: maritimbuch (at) googlemail.com
Das Trauma meiner Kindheit
Flucht aus Köslin über Kolberg und die Ostsee
Am 1. März 1945 hat mein Bruder Geburtstag und ist jetzt 9 Jahre alt. Wir sitzen mit unserer Mutter am Esstisch im Wohnzimmer. Plötzlich heulen die Sirenen und der schreckliche Panzeralarm verbreitet die höchste Gefahrmeldung über unserer Heimatstadt Köslin. Das Geburtstagskind stößt vehement unter lautem entsetzlichem Weinen den Satz hervor: „Mama, die Russen kommen.“ Dadurch springt die Angst auch in mich hinein. Ich bin erst sechseinhalb Jahre alt und weiß noch nicht, was ein Krieg bedeutet. Aber der bisweilen auch nächtliche Fliegeralarm gehört selbstverständlich zu unserem Leben. Im grauen Luftschutzkeller ist es sehr kalt. Ich friere sogar in meinem Wintermantel. Unsere Mutter liegt im Wochenbett. Am 18. Februar hat die Hebamme sie von einem gesunden Mädchen in unserer Wohnung entbunden. Jetzt bin ich nicht mehr das Nesthäkchen. Am 1. März sitzt unsere Mutter schon wieder an der Nähmaschine, und in Eile näht sie einen Brustbeutel aus weißem Stoff für die wichtigsten Papiere. Einen Tag später konsultiert sie unseren vertrauten Hausarzt, der sie mit folgenden Worten zur Tür begleitet: „Frau Mieck, es geht noch ein letzter Zug aus Köslin heraus, danach werden alle Brücken gesprengt. Die Russen sind schon im Gollenwald und haben eine totale Übersicht über die ganze Stadt. Gehen sie mit ihren fünf Kindern sofort auf die Flucht!“ - „Aber Herr Dr. Schweinitz, ich konnte doch nicht eher, weil ich im Wochenbett lag.“
Mein aus brauner Presspappe gefertigter Tornister ist mit Strümpfen vollgepackt. Zwei Wintermäntel trage ich übereinander. So bin ich gut vor der bitteren Kälte, die Anfang März 1945 noch in Hinterpommern herrscht, geschützt. In meinem Puppenwagen, den ich erst 1944 zu Weihnachten geschenkt bekam, liegt mein erst 12 Tage altes Schwesterchen, und es schläft fast immer. Meine Mutter drückt mir noch eine Milchkanne in die Hand, deren Inhalt ich aber nicht mehr benennen kann. Der älteste Bruder kann schon zwei Koffer tragen. Er ist die Stütze der Mutter auf der langen dramatischen Flucht in den Westen. Die beiden anderen Brüder tragen auch kleinere Gepäckstücke, jeder nach seinen Kräften. Menschen in großer Ansammlung drängen auf den Bahnhofsvorplatz von Köslin. Ich habe bisher noch niemals so viele Menschen dicht beieinander stehen gesehen. Ein Güterzug nimmt unsere sechs jungen kostbaren Leben in seine fahrbare schützende Obhut auf. Wir sitzen dicht beieinander auf Stroh oder einem Gepäckstück. Es fällt kaum Tageslicht in den Viehwaggon. Meine Mutter wärmt über einer Kerze das Milchfläschchen für unseren kleinen Säugling. Der langsam sich fortbewegende Zug braucht für die nur etwa 40 Kilometer bis nach Kolberg einige Tage, weil die Einfahrten nach Kolberg, das bereits von den sowjetischen und polnischen Verbänden eingeschlossen ist, von mehreren Seiten her mit vielen Flüchtlingszügen verstopft sind. So bleibt der Zug manchmal plötzlich auf freier Strecke lange stehen. Und wir wissen nicht, wann er seine Fahrt fortsetzt. Ein alter Mann hebt mich aus der Enge der hockenden Menschen aus dem Dunkel des Zuges heraus. Draußen im Tageslicht im Freien erledige ich unter schrecklicher Angst, der Zug könnte ohne mich weiterfahren, mein menschliches Bedürfnis. Feindliche Flieger beherrschen den Luftraum.
In dem unter Artilleriebeschuss liegenden Kolberg bekommen wir in einem großen dunklen Bunker Unterschlupf. Total übermüdete alte Männer, Frauen und Kinder sitzen gebeugt auf Stühlen, lassen zeitweise ihre Köpfe auf die Tische sinken. Auf manchen Tischen erhellt ein Hindenburglicht das angstvolle Dunkel. Ein fremder alter Mann rüttelt meine eingenickte Mutter am Arm mit den Worten: „Sind sie meine Frau?“ Später werden die Namen von zwei Kindern von einem Uniformierten aufgerufen. Ihre Mutter hat die Nerven verloren, sich die Pulsadern aufgeschnitten und ist in die eiskalte Ostsee gelaufen. Die mutterlosen Kinder werden aus dem Bunker herausgeholt. Und in meiner jungen Kinderseele spüre ich immer mehr Angst. Den dunklen kalten Bunker hinter uns lassend, sehen unsere Augen endlich wieder helles Tageslicht.
Um den vorrückenden feindlichen Truppen zu entfliehen, gibt es nur noch den Wasserweg. Weil wir ein Neugeborenes mit uns tragen, werden wir bevorzugt auf einem Rheindampfer vom Kolberger Hafen aus mitgenommen. Der Kapitän überlässt unserer tapferen Mutter und uns fünf Kindern seine eigene Kajüte. Die große Bodenvase nimmt die Folgen unserer unübersehbaren Übelkeit klaglos auf. Nur meine kleine Schwester muss sich nicht übergeben. Sie liegt am Fußende der Liege, auf der Mutter und ich Platz haben. Meine drei älteren Brüder treibt die Neugierde auf das Deck des Rheindampfers, der kaum dem hohen Wellengang der Ostsee gewachsen ist. Sie haben vor Entsetzen weit aufgerissene Augen, als sie wieder zu uns in die warme Kapitänskajüte kommen. „Mama, die vielen Flüchtlinge auf den kleinen Fischkuttern ertrinken alle in der kalten Ostsee.“ - „Legt euch auf den Fußboden und versucht etwas zu schlafen.“ Am nächsten Morgen breitet sich ein neuer entsetzlicher Satz wie ein schnelles Feuer auf dem Dampfer aus: „In der Dunkelheit der Nacht wären wir fast auf eine Mine gelaufen. Aber unser Kapitän hat glücklicherweise nahe der Küste Schutz gesucht.“ Wir sind wieder einmal mit dem Leben davon gekommen.
Im Hafen von Swinemünde verlassen wir den Rheindampfer. Wir stehen am Kai, Menschen wie Trauben dicht gedrängt. Vielleicht gibt uns die Menschenansammlung etwas Wärme und Geborgenheit? Plötzlich fliegen Splitter von Artilleriegeschossen in die wartende Menschenmenge. Instinktiv ducken wir uns vor Schreck. Unversehrt stehen wir etwas später in einer Schlange von Flüchtenden vor einem stehenden Lazarettzug. Wieder rettet uns unser neugeborenes Schwesterchen. Wir finden in dem geheizten Zug Aufnahme. In zahlreichen Doppelstockbetten liegen verwundete Soldaten. Ein Arzt kümmert sich um die an der Front stark verletzten Männer. Meine Kinderaugen sehen ungewollt den blutdurchtränkten Kopfverband eines jungen Mannes. Im hellen Tageslicht des Zugfensters wechselt der Arzt den Verband. Der Soldat hat nur noch ein Auge. Ich flüchte mich schnell in die körperliche Nähe meiner Mutter, die mit dem Windelwechseln beschäftigt ist. Mittags gibt es zum Nachtisch Erdbeeren aus der Dose. Ein schwacher Trost, für das, was ich ohne zu weinen still ertrage. Etwa am 9. März fährt der Lazarettzug in den Bahnhof von Flensburg ein. Mit unseren wenigen Habseligkeiten verlassen wir den Zug, in dem wir Schutz, Wärme, ein Bett und auch Verpflegung bekommen haben. Dem verheerenden amerikanischen Bombenangriff am 12. März auf die Hafenstadt Swinemünde, sind wir nur knapp entkommen. 22.000 Menschen, zum größten Teil Flüchtlinge, sollen hier den Tod gefunden haben.
In einem so genannten Auffanglager landen wir in einem Saal, in dem zahlreiche Doppelstockbetten stehen. Auf den Betten liegen dünne Decken, die uns nicht vor der Kälte ausreichend schützen können. Vor Erschöpfung schlafe ich zunächst ein. Aber ich bibbere am ganzen Körper, werde immer wieder wach. Schließlich klettere ich aus dem hohen ungewohnten Bettgestell und setze mich zu den anderen Frierenden, die dicht um den kleinen Kanonenofen herum auf Bretterstühlen sitzen. Wir warten tagelang, nächtelang. Worauf warten wir? Wir möchten endlich ankommen an einem Ort, an dem es uns besser geht. Wir sehnen uns nach einer warmen Stube, einem Bett in dem man auch schlafen kann und einer sättigenden Mahlzeit. Wann hat diese grausame Flucht endlich ein Ende?
Unverhofft werden dann unsere Namen, die auf einer Liste stehen, aufgerufen. Die Kleinbahn befördert uns von Flensburg bis in den kleinen Ort Gelting, der 30 Kilometer entfernt, nahe der Flensburger Förde liegt. Auf dem Sammelplatz wird wieder unser Familienname aufgerufen. Ein alter Bauer, mit einem Hut auf dem Kopf, steht mit seinem Pferdegespann vor dem Bahnhof. Er hat ein mürrisches Gesicht und ist wortkarg. Ich spüre, dass er uns nicht gerne mitnimmt. Das ist meine erste Fahrt auf einem Pferdewagen. Wir fahren bis auf seinen großen prächtigen Hof. In dem schmucken Bauernhaus bekommen wir zwei möblierte Zimmer zugewiesen.
Für diese Strecke von Köslin bis Gelting, etwa 600 Kilometer Entfernung, haben wir 9 Tage gebraucht. - Endlich haben meine kleinen Füße wieder Bodenberührung. Ich laufe in Freiheit über den fremden Hof, atme wieder frische Luft und sehe den schönen blauen Märzhimmel.
Dein Wille geschehe
„Vater unser“:
Das kann ich manchmal sehr schwer annehmen,
besonders in Krankheit
und beim Verlust eines lieben Menschen.
Vater, schenk mir täglich Geduld und Kraft,
deinen Willen zu akzeptieren,
mich deiner Autorität zu beugen.
Hilf mir, meine Enttäuschungen zu tragen,
wenn du etwas ganz anderes mit mir vorhast,
als ich mir gewünscht und erhofft habe.
Wenn ich mich nur ganz in deinen Plan füge,
bin ich befreit von quälenden Überlegungen,
Sorgen und verzweifeltem Suchen.
Du wirst mich sicher mit deiner Hand führen.
Du allein weißt, was gut für mich ist.
Herr, dein Wille geschehe!
Immer wieder Nachsorge
Die rote Karte an der kleinen Magnetleiste in meiner Küche habe ich ständig in meinem Blickfeld, wenn ich in diesem Raum arbeite. Sie mahnt mich also täglich, meine vereinbarten Untersuchungstermine in der Universitätsklinik auch pünktlich einzuhalten. Mit den Jahren hat das Sonnenlicht das anfänglich kräftige Rot der Karte verblassen lassen. In dieser Zeit sind auch meine körperlichen Narben unauffälliger geworden. Und ich wünsche mir, dass auch die Sorge um meine Gesundheit endlich wieder kleiner würde. Jedoch das Wort Sorge beinhaltet das bedrückende Gefühl der Unruhe und Angst. Ja, es ist so, dass ich seit meiner Krebserkrankung von Unruhe und Angst begleitet werde. In diesen 16 Jahren hat es tatsächlich noch keinen Tag gegeben, an dem ich nicht an meine Erkrankung in irgendeiner Weise denken musste. Kürzlich sagte eine Ärztin in meinem Urlaub zu mir: „Dass Sie damals an Krebs erkrankt sind, das sollten Sie ganz vergessen.“ Mein Gedächtnis speichert aber alles, was ich erlebe. Und ich bin meinen Gedanken gegenüber oftmals machtlos. Sie kommen und gehen, ohne dass ich sie willentlich beeinflussen kann. „Frau Doktor, verraten Sie mir doch bitte das Rezept, mit dessen Hilfe ich diesen negativen Einschnitt in meinem Leben wenigstens bis zur nächsten Nachsorgeuntersuchung vergessen kann.“ Diese unerfüllbare Bitte fiel mir allerdings erst ein, als ich schon längst die Arztpraxis verlassen hatte.
Schon eine Woche vor dem vereinbarten Nachsorgetermin bin ich sehr beunruhigt, und die Angst versucht mich vermehrt zu besetzen. Ob diesmal wieder alles in bester Ordnung ist? Aber ich habe in den letzten Jahren dazugelernt, und gehe an solchen schwierigen Tagen besonders liebevoll mit mir um. In der Praxis sieht das so aus, dass ich entweder schreibe oder auch stundenlang male. Bei diesen kreativen Tätigkeiten geschieht es nämlich, dass ich alles um mich herum vergesse, weil ich so positiv ausgefüllt bin, von dem, was mir da gerade mit Herz und Hand gelingt. Ich laufe aus der Realität heraus, und tauche in die Welt der Träume, Sprache, Fantasie und der Farben hinein. Das schafft in mir eine gewisse Leichtigkeit und auch ein Maß an Ausgeglichenheit. Abends gehe ich dann meistens erst spät zu Bett.
Trotzdem rückt der Tag der Untersuchung unweigerlich heran. Zuversichtlich und gleichzeitig mit bangem Herzen packe ich meine rote Karte und den Überweisungsschein von meiner Gynäkologin in meine Tasche. Weil ich aus Erfahrung weiß, dass ich trotz Terminabsprache mit einer längeren Wartezeit rechnen muss, nehme ich auch noch zur Stärkung einen Apfel mit. Nach einer kurzen Bahnfahrt gehe ich auf dem vertrauten Weg, den ich damals 22mal tapfer im Winter bei Eis, Sturm und Kälte zu den Bestrahlungen gelaufen bin. Die Erinnerung an jene schwere Zeit kriecht jetzt wieder hautnah in mich hinein.
An diesem sonnigen Septembermorgen jedoch schenken mir die vielen großen Kastanienbäume bereitwillig ihre kleinen runden braunen Früchte. Diese schönen „Kullern“ zaubern eine herrliche Kindheitserinnerung in mir zu Tage, die etwa sechzig Jahre zurückliegt. Mein älterer Bruder warf gezielt Steine in die fruchttragenden Bäume, und ich sammelte später mit Freuden und voller Eifer den "Erntesegen" in eine alte große Tasche. Rückblende zu! Während ich mich nach ein paar besonders schönen Exemplaren bücke, huscht ein kleines Lächeln vorsichtig über mein Gesicht. Pünktlich um zehn Uhr vormittags gehe ich mit betont festen Schritten, damit ich wenigstens nach außen hin stark wirke, durch die Türe der Frauenklinik. Anhand meiner roten Karte werden meine gesammelten Röntgenunterlagen schnell gefunden. Mit diesen, für den Facharzt aussagekräftigen Dokumenten begebe ich mich in den großen Warteraum, und mische mich nach einem „Guten Morgen“ zaghaft unter die bereits wartenden Frauen.
In der Mitte des Raumes steht ein Tisch, auf dem die üblichen Illustrierten ihren Platz haben. Ein paar farbenprächtige Bilder verleihen den schlichten Wänden ein wenig Heiterkeit. Ich krame aus meiner Tasche mein Buch heraus, lese eine kleine Weile darin, und merke dann aber, dass ich von dem Gelesenen gar nichts in mich aufnehme. Ich befinde mich in einem hoch angespannten nervösen Zustand, einem Ausnahmezustand. Dann wird ein Name aufgerufen. Die Frau verschwindet ganz schnell in einer freien Kabine. Mir ist es zu still zwischen all diesen Leidgeprüften. Wir sind alles Fremde untereinander, und doch verbindet uns eine gemeinsame schwere Erkrankung. Das wissen wir immerhin von unserem Gegenüber. In dieser äußerst angespannten Lage erweist sich mein mitgebrachter Apfel als sehr wohltuend. Bei der Suche nach einem Abfallbehälter kann ich mich wenigstens etwas bewegen. Beim langen Sitzen spürte ich schon eine leichte Verkrampfung. Mit einer bunten Regenbogenzeitung in der Hand setze ich mich auf einen inzwischen leer gewordenen Stuhl. Die bunten Fotos können mich aber auch nicht von meinen hochaktuellen Gedanken ablenken, die jetzt wie wild durch meinen Kopf jagen. Mein vorsichtiger Versuch, diese erdrückende Stille und Sterilität zu durchbrechen, gelingt, und ich habe das Gefühl, dass die neben mir sitzende Frau sich auf mein begonnenes Gespräch bereitwillig einlässt. Wir reden über unsere Erfahrungen, die wir zu verschiedenen Zeiten hier in dieser Klinik gemacht haben. Aber wir teilen uns vertrauensvoll auch den Verlauf unserer Erkrankung mit. Dieser Austausch baut ein wenig meine auflodernden Ängste ab. Ich schaue in die Runde, sehe in die Gesichter, die wie gute Masken das Leid verbergen. Ich denke, wie geschickt können Erwachsene ihr Leid verstecken. Trotzdem bleibt mir das Angespannte in den Gesichtszügen nicht verborgen. Da kommt eine Frau von ihrer Untersuchung zurück. Mir ist, als trage sie jetzt die Sonne auf ihrem Antlitz. Sie braucht es mir gar nicht zu sagen, dass bei ihr alles in bester Ordnung ist. Hoffentlich bin auch ich bald an der Reihe. Meine Ungeduld treibt mich zu einer medizinischen Assistentin, von der ich die Auskunft bekomme: „Heute dauert es leider so lange, weil zwei Ärzte in Urlaub sind.“ Das ist immerhin eine einleuchtende Erklärung für mein übermäßig langes Warten, und ich merke, wie in mir gleich Verständnis für diese außergewöhnliche Lage da ist. Aber hätte man uns ohnehin auf die Folter Gespannten nicht auch ohne mein Nachfragen diese aufklärende Mitteilung machen können? Tapfer setze ich mich wieder auf meinen Stuhl und verkündige den Anwesenden Frauen, weshalb es heute so lange dauert. Zwischendurch werden auch noch Patientinnen im Bett, die von einer Schwester gebracht werden, bevorzugt untersucht. Auf dem angrenzenden Flur herrscht den ganzen Vormittag reges Treiben.
Mein Magen signalisiert mir, ohne dass ich auf die Uhr zu schauen brauche, dass es schon Mittagszeit ist. Doch dann vernehmen meine Ohren meinen Namen. Schnell stehe ich auf und laufe in die eben freigewordene Umkleidekabine. In diesem tristen winzigen Raum gibt es nicht mal ein Bild oder Poster an der Wand. Etwas Heiteres, Buntes, noch besser Tröstendes könnte ich gerade in dieser Alarmstufe meiner Befindlichkeit gut gebrauchen. Mit fahrigen Händen entkleide ich meinen Oberkörper, und ich setze mich mit meiner umgehängten Strickjacke auf das einzige Möbelstück, den Stuhl. Mich interessiert der Spiegel an der einen Wand im Moment überhaupt nicht. Von innen wird die Kabinentür von einer medizinisch-technischen Assistentin geöffnet. Sie begrüßt mich kurz mit meinem Namen und führt dann routinemäßig mit geschickten Händen die Röntgenuntersuchung bei mir durch. Während die Aufnahmen entwickelt werden, sitze ich wieder mit entblößtem Oberkörper in der engen Kabine, und jetzt spüre ich, dass mir der Angstschweiß unter meinen Achseln ausbricht. „Sie können sich wieder anziehen, aber bitte warten Sie noch draußen.“ Diesen Ablauf verstehe ich nun gar nicht mehr. Sonst hat mich immer eine Ärztin gleich in der Umkleidekabine sorgfältig untersucht und mir dann das Ergebnis mitgeteilt. Heute jedoch werde ich noch einmal erneut hereingerufen, muss wieder meinen Oberkörper freimachen, und der Chef untersucht mich eigenhändig. Dieses ungewohnte Vorgehen schürt meine Angst fast ins Unerträgliche. Dann geschieht etwas Ungewöhnliches: „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Sie hatten um zehn Uhr Ihren Termin, und nun ist es schon kurz nach zwölf“, sagt der Professor mit warmer einfühlsamer Stimme zu mir, während er sehr gründlich meinen ganzen Oberkörper abtastet. „Ich hörte, dass zwei Ihrer Ärzte im Urlaub sind, und habe für Ihre Lage Verständnis. Sie können bestimmt nicht noch schneller arbeiten, denn bei Ihnen kommt es ja so sehr auf Gewissenhaftigkeit an.“ Der Mann im weißen Kittel schaut mir ins Gesicht und sagt: „Das ist aber lieb von Ihnen, dass Sie das sagen.“ Der erlösende und befreiende Ausspruch, der alle Angst hinwegspült, kommt zum Schluss: „Es ist alles in Ordnung bei Ihnen, es besteht kein Hinweis auf ein Rezidiv. Aber in einem halben Jahr müssen Sie bitte wieder zur Untersuchung kommen.“ – „Ja, das weiß ich, Herr Professor.“ Und vor Freude möchte ich diesen väterlichen Arzt am liebsten in meine Arme nehmen. Warum habe ich in diesem Glücksmoment doch noch Hemmungen? Warum verweigere ich dem Mann in Weiß, an meiner Freude teilzuhaben?
Draußen an der frischen Luft gehen so viele fremde Menschen an mir vorbei. Ob vielleicht einer von ihnen meine vor Glück strahlenden Augen bemerkt? Als ich ein paar Stufen überwinden muss, weil ich in einem Blumenladen einen bezaubernden bunten Asternstrauß gekauft habe, stolpere ich auf der Treppe, falle mit den Blumen in der Hand halb hin, und da merke ich, dass meine Ängste doch nicht so schnell aus meinem Körper gewichen sind, wie ich es gerne hätte. Auf der Bahnfahrt kann ich mich dann endlich ausruhen, und ich denke, dass ich auf der Hinfahrt schwer mit Sorgen beladen war, während ich mich jetzt leichter fühle, weil ich wieder mal für mehrere Monate entsorgt bin, was die akute Gefahr anbetrifft. Zuhause gut angekommen, teile ich die frohe Botschaft meinem Mann gleich mit. Er schließt mich sichtlich erleichtert in seine Arme. Dann bahnen sich bei mir Tränen der Erschöpfung erlösend ihren Fluss. Nachmittags schlafe ich zwei Stunden wohlig entspannt und geborgen, wie in Abrahams Schoß. Und ich darf, ich kann, ich möchte noch leben. Dennoch ist mir bewusst, dass ich auch weiterhin nicht leicht an meinem Krebs-Kreuz zu tragen habe. Aber ich trage auch viel Hoffnung in mir. Und ich verlasse mich ganz auf Gottes Hilfe und dass Er mich auf allen meinen Wegen begleiten wird.
Tragfähiges Fundament
In Gottes Händen
Gottes Hände sind mir Halt und Weiser
auf meinem manchmal beschwerlichen Weg.
Gottes Hände sind wie eine Oase.
Wenn ich mich durch die Wüste schleppe,
reichen sie mir zu rechten Zeit eine Erfrischung.
Gottes Hände sind wie ein Wasserschloss.
Ich darf in ihnen geborgen und sicher sein.
Gottes Hände sind wie ein Netz im Zirkuszelt.
Sie fangen mich auf, ohne mich einzuengen.
Gottes Hände sind wie wärmende Liebe.
Wenn ich einsam und traurig bin,
spüre ich ihre tröstende Nähe.
Gottes Hände sind verlässlicher als
alle Menschenhände dieser Welt.
Das macht frei
Hab den sinnlosen Kampf aufgegeben,
mich an den unzähligen Messlatten
meiner Mitmenschen zu messen.
Nur Gottes Maßstäbe zählen für mich.
Tragfähiges Fundament
Mühevoll arbeitest du an deiner Fassade,
trägst Selbstbewusstseins-Steine heran,
verputzt mit etwas Erfolgs-Mörtel.
Doch bedenke:
Dein Herz besitzt nur eine bestimmte Tragkraft.
Erkenne rechtzeitig,
dass du vor allem
ein belastbares,
sicheres Fundament brauchst,
das dich trägt und hält,
worauf du wirklich bauen kannst:
Jesus Christus!
Beispielsweise
In der alten Schmiede
bildet ein großer starker Stützbalken
den Mittelpunkt des ganzen Hauses.
Er trägt das Dach,
gibt allen Wänden Halt.
Ohne ihn
würde das Mauerwerk einstürzen.
Sei du, Gott,
der tragende Mittelpunkt meines Lebens.
Hoffnung wächst erneut
So wie die alte gefällte Ulme
aus ihrem Baumstumpf
neues grünes Leben hervorbringt
und so den harten Lebenskampf
hoffnungsvoll fortsetzt,
so will auch ich mir
an dieser bewundernswerten weisen Dame
ein Beispiel nehmen,
dass nach jedweden schmerzhaften Abschnitten
immer wieder neu
ein Hoffnungszweiglein wachsen wird,
das mit meiner Geduld und Zuversicht
sich zu einem neuen Baum
fruchtbar entwickeln kann.
Gebet
Himmlischer Vater,
schenke mir immer mehr
das feine Gespür für die
wichtigsten Dinge in meinem Leben,
dass ich
meine Martha-ähnliche Besorgtheit
allmählich aufgeben kann:
Wie das übermäßige Kümmern
um gutes Essen und Trinken,
um eine saubere Wohnung
und andere Äußerlichkeiten,
die so viel von meiner Kraft verschlingen,
damit ich die Maria-ähnliche Blickrichtung
für das Wesentliche
immer mehr
in meinem Auge und Herzen habe.
Mit Gott leben
Bei Gott müssen wir unsere Konflikte
nicht herunterschlucken.
Vor Gott brauchen wir unsere Leiden
nicht zu verdrängen.
Unserem Gott dürfen wir auch in Tränen
alles herausklagen.
Bei ihm bekommen wir sogar
Rechtsbeistand,
wenn böse Menschen uns bedrohen.
Mit Gott im lebendigen Zwiegespräch
leben, das heißt:
Immer wieder Gottes Nähe
im Gebet suchen.
Das Gebet so dringend brauchen,
wie das tägliche Brot.
Und erfahren:
Das trägt uns durch alle Widerwärtigkeiten
unseres rauen Alltags hindurch.
Bei Gott wieder zuversichtlich
und fröhlich werden.
Dennoch
Tage ohne Licht
Nächte ohne Sterne,
dennoch weiß ich mich aufgefangen
von Gottes bergendem Netz,
umhüllt von seiner Liebe,
und ich bleibe mit Gott im Gespräch.
* * *
Gott,
ich bin das Werk deiner Hände
und gehe wieder zurück in deine Hände.
Dazwischen spüre ich deine lenkende
und mich haltende Hand.
Was soll mir schon geschehen?
Du bringst mich gewiss ans Ziel.
Bleibender Schatz
Es gibt auch eine herrliche
kostbare Kette
aus hellen und bunten Perlen
der Erinnerung.
Du trägst sie in dir,
fädelst immer wieder
neue Perlen auf die lange Schnur.
Dieses wachsende Vermögen
bereichert dich besonders
in schweren Stunden und im Alter.
Noch lernfähig
Kleiner Vogel, lass mich
von dir lernen:
Singst in der Dämmerung
dein fröhlich' Lied
und weißt doch nicht,
ob du morgen wieder Futter findest.
Vertrauen kann ich von dir lernen.
Ein Liebestraum
Manchmal träume ich
am helllichten Tag,
im wachen Zustand
von einer heilen Welt,
in der alle Kinder
so viel Liebe bekommen,
dass dieses wertvollste
und wichtigste Fundament
sie durch das ganze Leben
tragen kann.
Reise in die Vergangenheit
Wie gut, dass ich mir für den Freitag-Nachmittag-Zug eine Platzreservierung gesichert hatte, denn der Intercity ist überfüllt. So kann ich wenigstens ab und zu aus dem Fenster schauen. Wenn der Zug nicht gerade Spitzengeschwindigkeit fährt, sehe ich auch etwas von dem bunten Herbstlaub der Bäume und von den grünen Schlägen der frischen Wintersaat-Felder. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in einem Gedichtbändchen zu lesen, aber ich vermag mich nicht so recht zu konzentrieren, um das komprimiert geschriebene Wort in mich aufnehmen zu können, ihm Einlass zu gewähren in mein Inneres. Dazu bin ich wohl zu besetzt. Mit den Gedanken bin ich schon am Ziel meiner Reise, in der Stadt, in der ich etliche entscheidende Jahre meiner Kindheit und Jugend verbracht habe. Ich reise in den Frühling meines Lebens. Bilder tauchen in mir auf: Das Schulgebäude sehe ich vor mir mit dem großen Schulhof, auf dem ich in den Pausen oft glücklich Kreisspiele mit den Mitschülern gespielt habe. Ob die Birnbäume im elterlichen Garten noch immer stehen, die mein Vater einst gepflanzt hat? Aus diesen Gedanken holt mich die Lautsprecherdurchsage des Zugführers jäh heraus: „Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Dortmund.“ Schnell ziehe ich meine Jacke über, nehme die leichte Reisetasche aus der Gepäckablage und gehe in freudiger Erwartung zur Wagentür.
Auf dem Bahnhof werde ich von einer lieben alten Freundin erwartet. Viele Jahre hatten wir beide uns nicht mehr gesehen. Es ist eine herzliche Begrüßung. Schon während der Autofahrt, mehr noch in der gemütlichen, häuslichen Atmosphäre tauschen wir viele Erinnerungen an frühere Erlebnisse aus den Jahren der gemeinsamen Ausbildungszeit aus. Aber auch die Tanzstunden und der traumhafte Abschlussball sowie die Erinnerung an die erste Jugendliebe werden wieder ganz lebendig. In der kleinen, gemütlichen Pension mit familiärem Charakter fühle ich mich sehr wohl und vor allem unabhängig. Es ist an diesem ersten Tag meiner Reise spät geworden. Körperlich bin ich müde und abgespannt, aber mein Geist ist noch immer hellwach. Eine stille Freude nistet in meinem bewegten Herzen. Was werde ich morgen alles erleben? Werde ich das Netz meiner früheren Erlebnisse mit den neuen Eindrücken verknüpfen können? Darüber schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen dann als erstes der Blick aus dem Fenster. Neugierig öffne ich die Balkontür, schnuppere erstmal die frische Herbstluft. Welch ein Geschenk ist dieses trockene, ruhige Herbstwetter mit der Zugabe Sonnenschein. Nach einem guten Frühstück mache ich mich dann frohen Herzens und beschwingten Fußes auf die vertrauten Wege und Straßen. Überall fegen die Leute das heruntergefallene Laub von den Bürgersteigen, aus den Gärten. Zuerst gehe ich zielstrebig zu dem Haus, in dem meine Eltern und die Geschwister mit mir gemeinsam viele bewegte Jahre gelebt haben. Hinter dem Haus schaue ich in den Garten: Die Birnbäume und Johannisbeersträucher von damals stehen noch. In Gedanken sehe ich meinen Vater mit dem Spaten in der Hand beim Pflanzen der jungen Bäumchen. Etwas Wehmut dringt in mein Herz. Auf dem Weg zum Friedhof tut mir die klare Herbstluft gut. Still verweile ich an der elterlichen Grabstätte, fühle mich nach langer Zeit mit meinen Eltern für diesen Moment eng verbunden. Wenn es doch möglich wäre, denke ich, würde ich den Eltern noch etwas Liebes sagen wollen. In der Friedhofsgärtnerei kaufe ich einen üppigen Heidetopf und kann ihn auf das Grab pflanzen, weil die Gärtnerin mir freundlicherweise eine Schaufel geliehen hat. Meine Schritte werden schneller. Mir ist etwas kalt geworden. Der Wind hat aufgefrischt. Nach einer viertel Stunde erreiche ich die Stadtmitte mit der Lutherkirche und dem Gemeindehaus. Menschen gehen an mir vorbei. Sie kaufen wohl zum Wochenende ein, tragen ihre vollen Tüten und Taschen zu den parkenden Autos. Beim Anblick der äußeren Kirche ist mir schon etwas wohler zumute. Mit viel Freundlichkeit schaffe ich es dann auch, dass die Küsterin mir die Türe zu der Kirche aufschließt, in der ich vor so langen Jahren konfirmiert und getraut worden bin. Im Kirchenschiff stehend wird die Vergangenheit jetzt ganz lebendig in mir. Mein Blick schweift auf die Empore. Da war mein Lieblingsplatz als junges Mädchen. Und vorne saß ich als Konfirmandin in der vierten Bankreihe. Vor diesem Altar habe ich meinen Einsegnungsspruch erhalten, der mich durchs Leben begleitet, mich auch schon öfter getröstet hat. Für einen kurzen Moment ist mir, als höre ich den Widerhall der Kirchenmauer während meiner Trauung vor fast dreißig Jahren: „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Das Echo meiner eigenen Worte bewegt mich zutiefst. Ich denke, die wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben haben mich mit diesem Gotteshaus so eng und nachhaltig verbunden.
Am Nachmittag mache ich noch eine ausgedehnte Wanderung gemeinsam mit meiner alten Freundin zu einem landschaftlich reizvoll gelegenen Wasserschloss, zu dem ich in der Kindheit mit meinen älteren Brüdern so gerne gewandert bin. Damals stand da im Schlosspark ein Baum mit Paradiesäpfeln. Den habe ich nicht mehr ausfindig machen können.
Am darauf folgenden Tag fühle ich mich bereichert, so als hätte ich alte Schätze wieder ausgegraben. Die Taxe kann sich kaum durch den zähfließenden Großstadtverkehr kämpfen. Doch den ausgesuchten Zug bekomme ich noch. In einem freien Abteil nehme ich am Fenster Platz. Während der Zug sich schon längst in Bewegung gesetzt hat, bin ich mit meinen Gedanken noch in der Stadt meiner Kinder- und Jugendjahre. Ein paar Besonderheiten notiere ich auf einem kleinen Notizblock, den ich stets in meiner Handtasche griffbereit habe. Ich brauche diese schönen Erinnerungen aus dem Frühling gewiss noch als Bereicherung im vielleicht kommenden Winter am Ende meines Lebens.
Zuzeiten
Wir wissen um den Lebenswinter.
Darum lass uns heute reichlich Liebe aussäen,
damit wir uns an den Liebes-Früchten
im kalten Winter freuen können.
Lebensfülle
Den Einbußen nicht nachtrauern,
sondern aus dem,
was dir geblieben ist,
fröhlich deinen
neuen Lebensteppich weben.
Es gibt noch so viele bunte Fäden,
die auf dich warten.
Nach einem Gespräch
Du hast mich so reich beschenkt
mit deinen geduldigen Ohren,
die mir lange zugehört haben.
Vor allem spürte ich,
dass auch dein Herz beteiligt war.
Danke, für deine Nächstenliebe.
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